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Über sieben (Seil-)Brücken müsst ihr gehen! Teamtraining bei KICK the Ropes


Plötzlich wird es still in der Gruppe. Samira, die sonst so lebhafte Schülerin, steht auf einer Plattform in zehn Metern Höhe und ist förmlich eingefroren. Die bisher eher unaufmerksame und lautstarke Schulklasse der Moabiter Oberschule spürt sofort, dass etwas nicht stimmt und richtet alle Aufmerksamkeit auf die vollkommen unbewegliche Mitschülerin. Selbst Cihan, der schon den ganzen Vormittag mit Samira im Clinch liegt, ist von der Situation völlig gefangen.

Zwei Tage vorher haben wir die zehnte Klasse im Rahmen eines unserer sozialen Trainingskurse im Hochseilgarten KICK the Ropes im Berliner Olympiapark kennengelernt. Meistens gehen unsere Kursangebote über drei Tage und werden häufig von den Klassenstufen sieben bis zehn, Vereinen sowie Sportgruppen unserer Partnerprojekte in Anspruch genommen. Die ungewohnte Umgebung mit dem Hochseilgarten im Hintergrund bietet ein sehr gutes Setting, um alte Gewohnheiten loszulassen und neue Lernprozesse zu starten. Dabei nutzen wir Trainer und Trainerinnen ganz bewusst den Spannungsbogen, der durch die hohen Kletterelemente praktisch automatisch entsteht. Die Motivation, in die hohen Elemente aufzusteigen, hilft uns im Vorfeld bei der Anleitung der wichtigen Gruppenübungen am Boden. Sind es doch die Träume und (noch) unerfüllten Wünsche, die Menschen zu besonderen Leistungen anspornen.

Ohne Kooperation kein Erfolgserlebnis!

Auch die Jugendlichen der Oberschulklasse genießen es sichtlich, einige Tage außerhalb der Schule zu sein und lassen sich nach anfänglicher Skepsis auf unsere Übungen ein. Schließlich sind sie zum Teil sogar gut in der Lage, in Feedbackrunden nach den Übungen zu reflektieren:
Wie hat sich die Gruppe verhalten, was hätte besser laufen können, wie kommen wir zukünftig zu einem besseren Ergebnis?
Mit den Moabitern bleibt uns viel Zeit für kooperative Spiele und erlebnispädagogische Inhalte. Wir stellen der Klasse Gruppenaufgaben, die nur gemeinsam bewältigt werden können und nur zusammen zum Ziel führen. So haben meistens alle ein Interesse daran, die Gruppenmitglieder zu unterstützen.
Insbesondere Jugendliche, die in der Schule nicht unbedingt zu den Leistungswilligen gehören und sich selten am Unterricht beteiligen, haben häufig große Stärken bei der Lösung praktischer Aufgaben. Es gehört zum Lernprozess der Gruppe, diesen zuzuhören und ihre Ideen auszuprobieren.
Allerdings scheuen wir uns auch nicht, Gruppen, die bei einer Aufgabe nicht kooperieren, scheitern zu lassen. Denn die möglichen Gründe für dieses Scheitern werden beim anschließenden Feedback ebenfalls aufgegriffen. Echte Erfolgserlebnisse können die Jugendlichen sich nur selbst verschaffen.

Wir begleiten sie auf diesem Weg, aber tragen sie nicht ins Ziel!

Eigene Lösungswege sorgen für echte Erfolgserlebnisse

Dabei ist es für uns immer wieder ein spannendes Erlebnis, die Dynamik der Gruppenprozesse zu begleiten. Jede neue Gruppe ist anders, bedarf einer individuellen Ansprache und stellt uns vor neue Herausforderungen. So sind es gerade Samira und Cihan, die mit ihren Streitigkeiten ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit fordern.

„Den fass‘ ich doch nicht an!“, entrüstet sich Samira, als sie – bewusst so eingeteilt – Cihan beim Bewältigen eines Hindernisses unterstützen soll. Während alle anderen Gruppen sich jedoch bereits mit der nächsten Aufgabe beschäftigen, wird auch ihr klar, dass ihr Partner diese Herausforderung nicht allein meistern kann. Sie können die Mitschüler/innen nur einholen, wenn sie und Cihan zusammenarbeiten. So überwindet sie schließlich ihre Vorbehalte und die beiden Streithähne können wieder aufschließen.

Wir Trainer und Trainerinnen halten uns an dieser Stelle bewusst zurück, um Prozesse beobachten zu können und die Gruppe alleine Lösungen finden zu lassen. Idealerweise verwandeln wir uns im Laufe des Tages vom Übungsleiter hin zum Moderator. Dabei legen wir großen Wert auf grundlegenden Prinzipien wie Herausforderung nach Wahl, Sicherheit und Vertrauen, ohne die wirkliche Erlebnispädagogik nicht denkbar ist.

Konstruktives Teamwork als Alternative zum Konflikt

Ziel unserer Trainingskurse ist auch, dass sich die Jugendlichen in neuen Zusammenhängen anders kennenlernen, verstehen, dass sie Teil einer Gruppe sind, in der sie viel Zeit verbringen, ohne dass sie sich das ausgesucht haben. Dass sie nicht miteinander befreundet sein müssen, aber mit etwas gutem Willen durchaus in der Lage sind, respektvoll miteinander umzugehen, gemeinsam Aufgaben zu lösen und Meinungsverschiedenheiten und Konflikte konstruktiv und gewaltfrei zu lösen. In einer gewaltarmen Atmosphäre wird eine Schulklasse oder ein Vereinsteam sicher zu besseren Ergebnissen kommen, als wenn ständig Konflikte in der Gruppe schwelen. Schließlich versuchen wir auch einen Bezug zum Alltag und Berufsleben zu knüpfen, in denen Teamfähigkeit und soziale Skills notwendige Voraussetzungen für Erfolge sind.

Der noch immer „eingefrorenen“ Samira kommt schließlich ausgerechnet Cihan zu Hilfe. „Komm Samira, du schaffst das – nicht nach unten schauen!“, ruft er für alle gut verständlich. Und nach kurzem Zögern bewegt sich die Schülerin tatsächlich von der Plattform auf die zehn Meter hohe Hängebrücke und wird zum Schluss von ihrem Sicherungsteam wohlbehalten und voller Stolz auf den Boden abgelassen. In der abschließenden Reflexionsrunde wird deutlich, wie groß die Überwindung für Samira war, in die Höhe aufzusteigen – und wie sehr auch der Zuspruch aus der Gruppe ihr geholfen hat. So entlassen wir die Moabiter Schulklasse am Ende der drei Kurstage um zahlreiche kleinere und größere Erfolgserlebnisse reicher, mit neuen Erfahrungswerten und einigen Denkanregungen zurück in ihren Alltag.

Christof Helmes

Christof Helmes

KICK the Ropes & KICK on Ice

 

Christof Helmes, Trainer und Ausbilder bei KICK the Ropes und Projektleiter bei KICK on Ice ist seit Projektgründung im Jahr 2002 mit Begeisterung dabei.
Der Diplom-Sportlehrer und leidenschaftliche Sportkletterer ist von der Kraft und Wirksamkeit sport- und erlebnispädagogischer Maßnahmen für die persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen überzeugt. Seine Hingabe zum Sport mag begründen, weshalb er besonders die Ausbildung des Teamgedankens in den Vordergrund seiner täglichen Arbeit stellt.

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